An dieser Stelle kommen unsere Kooperationspartner und andere Experten zu Wort. Hier formulieren sie ihre Sicht auf die Initiative, ihre Anmerkungen, Anregungen und Wünsche.
Wenn Kooperation Zukunft schafft – Warum Initiativen wie „Kurve kriegen“ für die Hilfen zur Erziehung unverzichtbar sind
Ein Beitrag von Elena Sofie Jess, Koordination Verwandtenpflege (evap - Düsseldorf)
In der Kinder- und Jugendhilfe gelten Netzwerke, Kooperationen und multiprofessionelle Zusammenarbeit als zentrale Gelingensbedingungen. Im Arbeitsalltag stehen ihnen jedoch nicht selten strukturelle, organisatorische oder ressourcenbedingte Herausforderungen entgegen. Gerade in komplexen Fallkonstellationen wird deutlich, wie entscheidend eine verlässliche und abgestimmte Zusammenarbeit für den weiteren Verlauf der Hilfe sein kann.
Evangelischer Verein für Adoption und Plegekinderhilfe e.V.
Der Pflegekinderdienst des evap (Evangelischer Verein für Adoption und Pflegekinderhilfe Düsseldorf e.V.) verfügt über einen spezialisierten Fachbereich für die Begleitung und Beratung von Verwandtenpflegefamilien nach § 33 SGB VIII (Vollzeitpflege). Die Verwandtenpflege unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von anderen Pflegeverhältnissen. Anders als in der Fremdpflege ist die „Pflegefamilie“ gleichzeitig Teil der Herkunftsfamilie. Rollen, Beziehungen und Loyalitäten bestehen bereits lange vor der Unterbringung des jungen Menschen und bleiben auch während der Hilfe bestehen (Ruchholz, Vietig & Schäfer, 2020).
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Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Verwandtenpflege zeigt, dass diese Familien häufig über ausgeprägte Selbsthilfestrukturen verfügen, professionelle Unterstützung jedoch oftmals erst spät oder zurückhaltend in Anspruch genommen wird (Jess, Baumann & Pawicki, 2025). Rückzug, Skepsis gegenüber Institutionen und eine starke Orientierung an innerfamiliären Lösungen können dazu führen, dass Hilfen erst dann greifen, wenn Belastungen bereits erheblich zugenommen haben. Dennoch zeigen aktuelle Erkenntnisse, dass Verwandtenpflegefamilien sich staatlichen Hilfen vor allem dann öffnen können, wenn „Faktoren auf der Beziehungsebene dazu beitragen, diese Abschottungstendenzen abzubauen“ (Jess, Baumann & Pawicki, 2025, S. 339). Im Rahmen der Kooperation mit Kurve kriegen begleiteten wir eine Verwandtenpflegefamilie mit Migrationsgeschichte und Sinti-Hintergrund, in der ein zu Beginn der Hilfe 13-jähriger Junge ein erhöhtes Risiko für eine delinquente Entwicklung aufwies. Im diagnostischen Fallverstehen wurde deutlich, dass seine Vorstellungen von Männlichkeit und Anerkennung stark von einem Umfeld geprägt waren, in dem Gewalt und Regelüberschreitungen mit Stärke verbunden wurden.
Eine zentrale pädagogische Aufgabe bestand deshalb darin, ihm alternative Perspektiven und positive männliche Rollenvorbilder aufzuzeigen. Fachkräfte von Kurve kriegen begleiteten diesen Entwicklungsprozess und vermittelten, dass Anerkennung, Stärke und Zugehörigkeit nicht durch Gewalt oder Kriminalität entstehen, sondern durch Verantwortungsübernahme und einen respektvollen Umgang mit anderen.
Es gelang ihnen, durch kontinuierliche Präsenz, eine kultursensible Haltung und eine konsequente Beziehungsarbeit, einen Zugang zu schaffen, der weit über klassische Fallarbeit hinausging und erwiesen sich dabei als verlässliche Kooperationspartner:innen, die auch in Krisensituationen schnell handlungsfähig waren und gemeinsam mit uns als freiem Träger sowie dem zuständigen Jugendamt eine tragfähige Verantwortungsgemeinschaft lebten.
Dabei zeichnet sich Kurve kriegen insbesondere durch eine hohe Flexibilität und Individualität aus. Angebote orientierten sich konsequent an den Bedarfen des jungen Menschen und reichten von intensiver Einzelarbeit über sozialpädagogische Gruppenangebote, wie beispielsweise Anti-Aggressionstrainings, bis hin zur engen Zusammenarbeit mit Schulen und weiteren relevanten Institutionen. In gemeinsamen Fachgesprächen und regelmäßig stattfindenden „Runden Tischen“ wurden Perspektiven entwickelt, Verantwortlichkeiten abgestimmt und tragfähige Lösungen erarbeitet. Als dem von uns begleiteten Jungen die „Unbeschulbarkeit“ drohte, handelte Kurve kriegen umgehend und organisierte durch interne Kooperationspartner:innen kurzfristig alternative Beschulungsformen durch Schulersatzmaßnahmen – ohne lange Wartezeiten. Gerade diese Möglichkeit, passgenau und zeitnah auf komplexe Problemlagen zu reagieren, stellt aus unserer Sicht einen wesentlichen Teil von deeskalierenden Maßnahmen dar.
In Zeiten, in denen Anforderungen an die Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe kontinuierlich steigen, Ressourcen knapper werden, Personallücken entstehen, finanzielle Spielräume kleiner werden, Systeme vielerorts zunehmend gezwungen sind, sich auf akute Gefährdungslagen zu konzentrieren, scheint diese Erfahrung beispielhaft für das zu sein, was gelingende Prävention, als auch Krisenintervention ausmacht.
Gerade deshalb sollten landesgeförderte Präventionsinitiativen wie Kurve kriegen nicht als ergänzende Angebote verstanden werden, sondern als integraler Bestandteil einer wirksamen Präventions- und Unterstützungslandschaft innerhalb der Kinder- und Jugendhilfe.
Kurve kriegen investiert Zeit, Beziehung und Kontinuität in junge Menschen, bevor sich problematische Entwicklungen verfestigen. Die Initiative fokussiert sich nicht allein auf die Vermeidung von Straftaten. Vielmehr geht es darum, Lebensperspektiven zu eröffnen, Familien zu stabilisieren und Entwicklungsverläufe positiv zu beeinflussen.
Als ambulanter Träger der Hilfen zur Erziehung erleben wir immer wieder, dass nachhaltige Veränderungen dort entstehen, wo verschiedene Systeme ihre jeweiligen Kompetenzen zusammenführen. Polizei, Jugendhilfe, Schulen und spezialisierte Präventionsangebote verfolgen dabei kein Konkurrenzverhältnis, sondern ein gemeinsames Ziel: Jungen Menschen Entwicklungschancen zu eröffnen, bevor aus schwierigen Lebenslagen langfristige Problemlagen werden.
Der Fall, in dem wir durch Kurve kriegen begleitet wurden, ist dafür ein gutes Beispiel. Nicht, weil plötzlich alle Herausforderungen verschwanden. Sondern weil deutlich wurde, was möglich ist, wenn Fachkräfte Kurs halten, Verantwortung teilen und einen langen Atem behalten: der von uns begleitete junge Mensch hat im wahrsten Sinne des Wortes die Kurve gekriegt!