Manchmal ist unsere Arbeit anstrengend, kräftezehrend und man fragt sich bei Rückschlägen: „Wofür mache ich das eigentlich?“ Und dann gibt es Momente, manchmal ganz kleine, da wird einem klar: „Ja, dafür bin ich pädagogische Fachkraft geworden!“

    Warum ich vor kurzem mal wieder so gedacht habe:

    „Danke, dass Sie immer an mich geglaubt haben.“ Das waren die letzten Worte von Sandro (Name geändert), einem 17jährigen „Kurve kriegen“ Teilnehmer, an mich als er seinen erfolgreichen Prozess der Teilnahme an „Kurve kriegen“ beendete.

    Sandro, geboren in Guinea, verließ im Alter von neun Jahren gemeinsam mit seiner Mutter und seinen Geschwistern seine Heimat und kam über Umwege im Alter von elf Jahren nach Deutschland. Er wurde mit 15 Jahren in „Kurve kriegen“ aufgenommen. Zu diesem Zeitpunkt wurde er eines Ladendiebstahls, einer gefährlichen Körperverletzung und eines Raubes beschuldigt. 

    Impuls von außen durch eine Vertrauensperson - die Klassenlehrerin

    Den Stein ins Rollen brachte seine damalige Klassenlehrerin, die sich in Absprache mit dem Jugendamt an „Kurve kriegen“ wandte. Sandro fiel ihr in der Schule auf, denn er war fleißig und wissbegierig, wollte lernen, andererseits konnte er sich aber schlecht an Regeln halten und hatte manchmal seine Aggressionen, seine Wut nicht unter Kontrolle. Nach erfolgter Prüfung der Sachlage durch den zuständigen polizeilichen Ansprechpartner kam es zum Erstgespräch mit der Polizei, anschließend mit der pädagogischen Fachkraft.

    Sandro ist ein motivierter Schüler, so beschrieb ihn seine Klassenlehrerin, der jedoch seine Aggressionen nicht im Griff hat. 

    Mir, seiner pädagogischen Fachkraft, gegenüber war er stets höflich und zurückhaltend. Dies war aber nur die eine Seite von Sandro. In stressbeladenen Konfliktsituationen verhielt er sich aggressiv und gewalttätig. Sandro konnte recht gut die Situationen benennen, die ihn maßlos überforderten, die plötzlich eskalierten und in denen er zuschlagen „musste“. „Musste“, weil er in dieser speziellen Situation keinen anderen Weg der Konfliktlösung sah.

    Es gelang mir nach einer längeren Clearingphase, in welcher es darum ging herauszufinden was dahintersteckt, woran gearbeitet werden muss und welche Ziele es zu verfolgen gilt, mit Sandro zusammen ein passgenaues Angebot zu erarbeiten, ihn von einer Mitarbeit zu überzeugen und ihn hierfür zu gewinnen. Gemeinsam legten wir Ziele fest, wie zum Beispiel das Nachdenken darüber, was er im Leben erreichen möchte, in schwierigen Situationen erst einmal nachzudenken bevor er handelt oder schlicht sich an vereinbarte Termine zu halten. Einige dieser Ziele mögen nach wenig klingen, sind für Sandro jedoch anstrengend und eine Herausforderung. Denn so etwas kannte er nicht, auch nicht, dass jemand sich für ihn als Person interessiert. Kurze Zeit später willigte er ein, auf freiwilliger Basis an einem mehrmonatigen Antigewalt- und Kompetenztraining teilzunehmen. 

    Die Straftaten rissen jedoch zunächst nicht ab.

    Aller Anfang ist schwer… für beide Seiten

    Sandro signalisierte mir nach und nach, dass er es aus eigener Kraft nicht schaffen wird, sich aus seinem kriminellen Umfeld zu lösen, denn auf der Straße erntete er mit seinem Verhalten Ansehen, niemand wollte ihn zum Feind haben. Dieser Umstand pushte ihn sogar und ließ ihn tiefer abrutschen. Eine Spirale, die wir so in der Jugendarbeit kennen und immer wieder erleben. Hier heißt es unter uns Fachkräften: „Auch, wenn es erst schlimmer wird, nicht nachlassen, nicht aufgeben! Dranbleiben, jetzt erst recht!“ Das ist eine schwierige Phase für beide Seiten. Für den Klienten und für die Helferinnen und Helfer. Oft ein Zeitpunkt, an dem man sich fragt: “Macht das noch Sinn?“ Da hilft auch die professionelle Unterstützung von Kolleginnen und Kollegen durch kollegiale Fallberatung oder auch - so macht es mein Träger - die jährliche Supervision. 

    …und natürlich blieb ich dran an Sandro.

    Ein Unrechtsbewusstsein verspürte Sandro bei seinen Taten zu diesem Zeitpunkt nicht. Eher die Sorge einen „Gesichtsverlust“ zu erleiden, sollte er tatsächlich nicht mehr Teil seiner Peergroup sein.

    Dann die erste Gerichtsverhandlung, das erste Urteil:

    Neun Monate Jugendstrafe, die auf zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurde, ein Warnschussarrest von zwei Wochen, 60 Sozialstunden und eine richterliche Auflage mit einem Bewährungshelfer zusammenzuarbeiten.

    Nach unzähligen Gesprächen, nach mehreren Terminen bei der zuständigen Jugendgerichtshilfe, Gesprächen mit dem Bewährungshelfer und nach einer polizeilichen Gefährderansprache gelang es uns schließlich, Sandro davon zu überzeugen, sich endlich von seinem Umfeld zu lösen.

    Ihm wurde durch das zuständige Jugendamt eine stationäre Einrichtung vorgeschlagen, die 150 km entfernt lag. Die Einrichtung hat sich auf Jugendliche wie Sandro spezialisiert und arbeitet sehr intensiv mit den ihnen anvertrauten Personen.

    Es war ein langer und schwieriger Weg, bis Sandro dieser Form der Unterbringung, weit weg von Zuhause, zustimmte. Mit einer großen gepackten Tasche begann die Reise in eine ungewisse Zukunft, doch eins wusste er: Wir lassen ihn dabei nicht allein. Er kann auf uns zählen.

    Begleitet wurde er dorthin durch seine Mutter, die zuständige Mitarbeiterin des Jugendamtes und mich. Sandro hatte anfangs genügend Argumente parat, nicht von Zuhause wegzugehen. Es fielen Sätze wie: „Ich kann doch meine Mutter nicht mit meinen kleinen Brüdern alleine lassen.“ Und: „Ich möchte meine Kumpels nicht im Stich lassen.“

    Wir machten ihm klar, dass es Zeit war, sich vorrangig um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern. Eine Argumentation, der er letztendlich folgen konnte. Auch, weil wir gemeinsam Ziele für sein Leben erarbeitet hatten. 

    Schnell stellten sich dann Erfolge ein: Er fand rasch Anschluss in seiner neuen Umgebung. Als neuer Mitbewohner wurde er durch die bestehende Wohngruppe akzeptiert und respektiert, seitens der Einrichtungsleitung gab es für das Sozialverhalten lobende Worte.

    Und dann?

    Sandro konzentrierte sich nun auf die Schule, absolvierte Praktika im handwerklichen Bereich und es gelang ihm an seinem neuen Wohnort einen Hauptabschluss nach Klasse 10 zu erreichen. 

    Sandro hat 23 Monate benötigt, um sein Verhalten zu ändern, das Leben in den Griff und die „Kurve“ zu „kriegen“. Er konnte die Hilfe von uns und den anderen Institutionen annehmen. 

     „Danke, dass Sie immer an mich geglaubt haben.“ So die letzten Worte an mich, vor seinem Aufbruch in seine Zukunft. „Ja, dafür bin ich pädagogische Fachkraft geworden!“

    Kurve kriegen - Danke!